Geht es noch ?



Es heißt, das Konzept der „Linken“ sei während der Französischen Revolution entstanden. Der Überlieferung nach war dies die Bezeichnung für die Blanquisten – jene, die auf der linken Seite des nach der Revolution eingerichteten Parlaments saßen. Ihr Slogan lautete: „Für das Volk – ungeachtet des Volkes.“ Mit anderen Worten: Ob das Volk es will oder nicht – wir werden Reformen zu seinem eigenen Besten durchsetzen.


Das Ergebnis ist hinlänglich bekannt: Zuerst wurden der König und sein Hofstaat, dann 2.000 Geistliche und Nonnen auf die Guillotine geschickt. Und schließlich – ganz im Sinne der Logik, dass „die Revolution ihre eigenen Kinder frisst“ – ereilte genau jene dasselbe Schicksal, die die Revolution eigentlich vollbracht hatten.
Zweihundertfünfzig Jahre sind seit jenem Tag vergangen, und doch wird das Bild, das der Linken zugeschrieben wird – jenes der
„Freunde der Armen“ –, in diesen Kreisen bis heute hochgehalten. Dies geschieht ungeachtet der Tatsache, dass ihre Anhängerschaft weltweit stetig schwindet.
Siebzig Jahre in der Sowjetunion, 40 Jahre in Osteuropa und in der Gegenwart Nordkorea und Kuba. Zudem werden selbst in China und Vietnam – trotz ihres Übergangs zum Kapitalismus – weiterhin in unterschiedlichem Ausmaß repressive Maßnahmen durchgesetzt.
Die eigentliche Ursache liegt in einem Satz, den Marx in einem unbedachten Augenblick äußerte: „die Diktatur des Proletariats“. Doch als ein Journalist Engels im Jahr 1881 fragte: „Wie genau sieht Ihre ‚Diktatur des Proletariats‘ aus?“, antwortete dieser: „Sie entspricht exakt jenen Praktiken, die während der Pariser Kommune von 1871 angewandt wurden.“ Wie wir wissen, verhängten die Pariser Kommunarden über niemanden eine Diktatur; vielmehr trafen sie ihre Entscheidungen gemeinsam mit dem Volk.

Die Bolschewiki hingegen setzten die Diktatur des Proletariats in der Sowjetunion siebzig Jahre lang mit grenzenloser Rücksichtslosigkeit durch – auf eine Weise, die dem Faschismus ähnelte. Und die anderen „sozialistischen Länder“ standen ihnen darin wahrlich in nichts nach.
                    BILD: 1. Mai 2026 Köln

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